Broadway Gangster

Zu Beginn der 1940er-Jahre trat in Leipzig nach den Meuten eine jüngere Generation von Jugendlichen in Erscheinung, die die HJ ebenfalls ablehnten. Anders als die Meuten der 1930er-Jahre trugen sie keine Wanderkleidung mehr, sondern orientierten sich an bekannten Filmstars. Ihren Freizeitraum in der Innenstadt bezeichneten sie als „Broadway“. Einige nannten sich – vermutlich in Anlehnung an amerikanische Kriminalromane – Broadway-Gangster.

Werner Teumer war Mitglied der Gruppe Jack Brandy: „Wir waren ein Freundeskreis und trafen uns regelmäßig in der Innenstadt, meistens mittwochs, sonnabends und sonntags. Wir gingen ins ‚Naumannbräu‘ oder in andere Kneipen. Wir waren alle gegen die HJ und gegen die Nazis eingestellt und hatten zu der Zeit eigentlich das Ziel, nicht zur Wehrmacht eingezogen zu werden, weil wir gegen den Krieg waren.“ Im Spätherbst 1943 verfasste die Gruppe ein Flugblatt, das zum Widerstand aufrief. Kurz vor der Verteilung wurde Teumer von einem Hitlerjungen denunziert, daraufhin verhaftet und 1944 vom Oberlandesgericht Dresden wegen „Wehrkraftzersetzung“ zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.

Leipziger Südwesten gab es ebenfalls solche Gruppen, die sich regelrechte Kämpfe mit der HJ lieferten und für sich den BegriffMeuten verwendeten. Henri Rosch von der Meyersdorfer Meute erinnert sich: „Wir hatten weiße Seidenschals, das war unser Zeichen und wir trugen an unseren Anzügen alle ein Totenkopfabzeichen. Und wir haben Platten gespielt aus Amerika, Benny Goodman zum Beispiel. Die Hitlerjugend hatte am Plagwitzer Bahnhof ihr ‚Großheim West‘ gleich neben der katholischen Kirche. Dort saß auch der HJ-Streifendienst. Wir hatten mal wie so ’nen Bandenkrieg gegen die HJ geführt. Das  waren die Meuten aus Kleinzschocher, Meyersdorf und sogar ein Ableger aus Großzschocher. Einmal haben wir einen richtigen Angriff auf das Großheim gemacht. Das war Wahnsinndamals. Das ist natürlich ausgegangen wie das Hornberger Schießen. Die Hitlerjungen haben in die Luft geschossen, die waren bewaffnet. Wir haben uns in dieser Zeit nicht viel sagen lassen. Wenn wir [zu Hilfsdiensten] mussten, mussten wir gehen. Aber wenn wir nur sollten – halt, Moment, dann nicht mehr. So ungefähr war unsere Linie.“

 

Bild: 1943: Die Tanzkapelle Jack Brandy um Werner Teumer (Zweiter von rechts) diente den Jugendlichen zur Tarnung, um HJ-Streifen ihre abendlichen Aktivitäten erklären. Keiner der Beteiligten konnte ein Instrument spielen.

Quelle Bild: Privatarchiv Sascha Lange

 

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