Leipziger Meuten

Ab Mitte der 1930er-Jahre trafen sich in vielen Leipziger Stadtteilen Arbeiterjugendliche,  um selbstbestimmt und zwanglos ihre Freizeit zu gestalten. Zur Unterscheidung von der Hitlerjugend legten sie sich eine relativ einheitliche Kleidung zu, die die Gestapo 1938 folgendermaßen beschrieb: „Die Gleichtracht besteht im Sommer aus Bundschuhen, weißen Kniestrümpfen, äußerst kurzen Lederhosen, buntkarierten Schihemden, Koppel und im Winter aus Bundschuhen, weißen Kniestrümpfen, besonders langen Knickerbocker- bzw. Luis-Trenker-Hosen und grauen Slalom-Jacken. Daneben findet sich noch eine Übersteigerung dieser Tracht der Art, dass ohne weiteres der Eindruck erweckt wird, man habe es mit Russen zu tun. Auch Mädchen kleiden sich in entsprechender Weise, indem sie zu der übrigen Ausrüstung einen dunklen Rock tragen.“

Neben gemeinsamen Ausflügen und Besuchen von Rummelplätzen fanden politische Diskussionen und Aktionen gegen die Hitlerjugend statt, so beispielsweise die Herstellung und Verteilung von Zetteln mit HJ-feindlichen Parolen. Die größten Gruppen waren die Meute Reeperbahn in Lindenau, Hundestart in Kleinzschocher und Lille in Reudnitz. In diesen drei Meuten gab es viele Jugendliche, die vor 1933 in Kindergruppen der Arbeiterbewegung organisiert gewesen waren. Bekannt sind auch die St. Pauli- und die Texas-Meute, die Connewitzer Meute, die Meute Eisenbahnstraße, die Bündische Antifaschistische Jugendorganisation (BAJO) aus dem Seeburgviertel und andere. Insgesamt waren etwa 1.500 Mädchen und Jungen um 1938 in Leipzig Mitglied einer Meute.

Ab 1938 verfolgte die Gestapo zunehmend diese Gruppen. Im Oktober 1938 wurden zwei Prozesse vor dem Volksgerichtshof gegen Meuten-Mitglieder wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ geführt. Die erhoffte abschreckende Wirkung stellte sich unter den Jugendlichen jedoch nicht ein, die Attraktivität der Meuten in Leipzig blieb hoch. Weitere Verhaftungen und Prozesse folgten, ebenso Zwangseinweisungen in ein Erziehungslager. Bis 1940 kam es zu etwa 100 Verurteilungen von Mädchen und Jungen aus Leipzig wegen der Mitgliedschaft in einer Meute.

 

Bild: Mitglieder der Schönefelder Meute um 1939 in den Brandiser Steinbrüchen. Mit Wochenendfahrten in die Leipziger Umgebung konnten sich die Jugendlichen der Kontrolle durch Hitlerjugend und Erwachsene entziehen.

Quelle Bild: Privatarchiv Sascha Lange

Advertisements